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100 Jahre Felix Wankel

Ein Mann und seine Maschine

Der Schock sitzt tief bei Kenichi Yamamoto, Direktor für Forschung und Entwicklung und später Chairman der Mazda Motor Corporation.

Am 9. Oktober 1988 stirbt Dr. Felix Wankel, und Yamamotos Reaktion spiegelt die ganze Bedeutung des Erfinders des Rotationskolbenmotors wider: „Die Automobilwelt hat einen ihrer großen Ideengeber verloren." Zeit seines Lebens war er von Maschinen fasziniert, doch eine technische Ausbildung hat er nie genossen. Wankel war nie ein abstrakt denkender Wissenschaftler, sondern ein Tüftler, der ein höchst differenziertes und distanziertes Verhältnis zur Mathematik hatte: „Mich stören die Formeln." Dennoch wurde er der Vater des Rotationskolbenmotors.

Am 13. August 1902 erblickt Felix Wankel im badischen Jahr das Licht der Welt.

1908 - 1911 besucht er die Volksschule in Geisingen und Donaueschingen, danach das Gymnasium.

1915 siedelt er mit seiner Mutter nach Heidelberg um. Er besucht dort das Gymnasium, wechselt später nach Weinheim und verlässt 1921 in der Unterprima die Schule, da er mit Mathematik und Physik auf Kriegsfuß steht. Anschließend beginnt er eine Lehre als Verlagskaufmann im Verlag von Carl Winter in Heidelberg. Häufig zieht er sich in das Buchlager zurück, liest Biographien über Technik- und Wissenschaftspioniere und holt sich Anregungen über Geräte und Maschinen, die er dann in seiner Werkstatt nachbaut.

1924 richtet er im Abstellraum des Vaters eines Freundes in der Kleinschmittstraße 8 in Heidelberg eine Werkstatt ein. Er baut unter anderem ein stromlinienförmiges Dreirad und entwirft für eine Schmierapparatefabrik ein „Fettdurchfluss-Anzeigegerät”, in der zum ersten Mal ein später „Kolbentragscheibe” genanntes Teil und ein „Ringraum“ vorkommen. Aus dieser Zeit datieren erste Überlegungen, Benzinmotoren ohne hin- und hergehende Teile zu bauen.

1926 wird ihm gekündigt. Wankel lernt den arbeitslosen Ingenieur Ernst Wolf kennen, der ihm bis 1936 beim Bau von Maschinenteilen und Abdichtungsversuchsvorrichtungen hilft, und ihm beibringt, seine Ideen in die exakte Form technischer Zeichnungen umzusetzen.

1932 meldet Wankel sein erstes Patent zur Abdichtung des Verbrennungsraumes an. Der Drehkolbenmotor DKM 32 läuft nur kurz, liefert aber als Verdichter bei 1000/min schon 5 atü - ein Erfolg der ersten räumlich verlaufenden Dichtgrenze.

1934 unterschreibt Wankel einen Vertrag mit BMW für die Entwicklung von Drehschiebersteuerungen für Automotoren, nachdem ihm zwei Tage vorher Daimler-Benz eine Absage erteilt hatte. Wankel entwirft und baut eine Walzensteuerung für einen Vierzylinder-Pkw-Motor, der später zwar zündet, dessen falsche Steuerzeiten aber noch keinen Freilauf zulassen. Im selben Jahr schafft Wankel den technischen Durchbruch. In der Werkstatt „Schneider Automatenbau" in Lahr, die ihm Material und Werkstatt unentgeltlich zur Verfügung stellt, läuft der Prototyp eines Kreiskolbenmotors. Zwei Jahre später wird das Reichsluftfahrtministerium auf Felix Wankel aufmerksam und bietet ihm die Einrichtung eines Motoreninstitutes in Lindau an. Wankel nimmt an und zieht mit seiner Frau an den Bodensee.

1937 bis 1941 arbeitet er an vielen Projekten parallel: Versuchsvorrichtungen für Bandabdichtungen, Konstruktion eines regelbaren außenachsigen Drehkolbenverdichters, Gleitversuche für Geschwindigkeiten bis 300 m/s bei motorischer Befeuerung.

1942 entsteht in der Bregenzerstraße 116 ein Entwicklungswerk zur Untersuchung und Erprobung mehrzylindrischer Flugmotoren. Außerdem beginnt die Entwicklung des Spaltgleitkufenbootes „Zisch 42”, das später mit mehr als 100 km/h über den Bodensee fahren soll.

1943 beginnen die Versuchsarbeiten für Flugmotoren. Wankel baut Vorrichtungen für serienmäßige und austauschbare Dichtungsteile und schreibt einen Forschungsbericht über den „Stand der Drehschiebermotoren”. Von der Lilienthal-Gesellschaft erhält er eine Anerkennungsprämie für seine Arbeiten auf dem Abdichtungsgebiet.

1944 absolviert ein Drehkolbenverdichter erfolgreich einen Probelauf auf dem Prüfstand. Der Einmarsch der Franzosen beendet Wankels Forschung. Sein Institut wird beschlagnahmt und Wankel für kurze Zeit inhaftiert.

1945 demontierten die Franzosen Wankels Versuchswerkstätten.

1949 baut Wankel in seinem Wohnhaus in Lindau eine Werkstatt mit Prüfstand und Zeichenbüro auf - die TES (Technische Entwicklungsstelle).

1951 bekommt Wankel eine kuriose Absage von Opel: „Bessere Motoren als unsere gibt es nicht!” Auch MAN, einst Förderer von Rudolph Diesel, reagiert negativ. Der technischen Direktor der NSU-Werke, Dipl.-Ing. Dr. Viktor Frankenberger interessiert sich für Wankel und schickt Dr. Walter Froede, Chef der Entwicklungs- und Rennabteilung zur Kontaktaufnahme. Froede empfiehlt dem Vorstand, sich Wankels Mitarbeit für Drehschiebesteuerungen zu sichern. Wankels Passion für Rotationskolbenmaschinen und sogenannte Spaltgleitkufenboote verschweigt er.

1954 entsteht nach dreijähriger Konstruktions- und Experimentierarbeit der erste für ein Fahrzeug vorgesehene Viertaktmotor mit kreisenden Kolben. Ihr Debüt gibt die Wankel-Konstruktion als Ladegebläse für einen Zweitaktmotor mit 50 Kubikzentimeter Hubraum und nimmt 1956 an einem Weltrekord teil: Mit dem NSU-Zweitakter erreicht der „Baumm’sche Liegestuhl", eine Stromlinien-Zigarre auf zwei Rädern, eine Geschwindigkeit von 196 km/h.

1957 läuft der erste Wankel-Verbrennungsmotor im Labor und wird von der Fachwelt als revolutionäre Entwicklung gefeiert. Der Versuchsmotor DKM 54, den Wankel gemeinsam mit NSU entwickelt, läuft im Februar 1957 erst kurz, aber nach Einregeln des Vergasers gleichmäßig und minutenlang. Nach konstruktiven Änderungen bis Ende 1957 leistet der 250 Kubikzentimeter große Motor 29 PS bei 17.000/min, kurzzeitig werden sogar 22.000/min registriert. Vier dieser Motoren werden gebaut, einer steht heute im Deutschen Museum. Zusammen mit dem Geschäftsmann Ernst Hutzenlaub gründet Wankel die Patentverwaltungsgesellschaft Wankel GmbH. Damit ist Wankel einer der wenigen Erfinder, der von Beteiligungen an den Lizenzeinnahmen bis zu seinem Tode sorgenfrei leben kann.

1958 steigt der amerikanische Hersteller von Flugzeugtriebwerken Curtis Wright bei Wankel ein und baut in Lizenz Wankel-Flugzeugmotoren. Die ersten Autos mit Kreiskolben erscheinen 1960 als „Versuchs-Prinzen" von NSU auf deutschen Straßen.

1961 beginnt in Lindau nach Wankels Ideen der Bau der architektonisch einzigartigen Technischen Forschungs- und Entwicklungsstelle TES der Fraunhofer-Gesellschaft.

1963 feiert das erste Wankel-Serien-Auto, ein NSU Spider, auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt seine Premiere. Sein Kreiskolbenmotor schöpft aus einem Kammervolumen von 500 Kubikzentimeter eine Leistung von 37 kW/50 PS. Ein Jahr später geht der Motor in die Serienproduktion. 2.375 Spider werden insgesamt gefertigt und ihre leistungsgesteigerten Rennversionen fahren allen anderen Autos auf und davon.

1967 erscheint mit dem legendären Mazda Cosmo das erste Wankel-Auto mit Zweischeiben-Motor.

1968 baut NSU den Ro 80. Der Zweischeiben-Motor mit einem Liter Volumen und 81 kW/110 PS verleiht der frontgetriebenen Limousine eine Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h. Das Fahrzeug ist zwar ungewöhnlich laufruhig, aber recht reparaturanfällig.

Anfang der 70er Jahre stehen die Lizenzinteressenten bei Wankel Schlange. Wankel schließt Verträge mit Daimler Benz und VW, Rolls Royce und Porsche, General Motors und Ford, Nissan, Mazda und Yamaha, Toyota, American Motors, Krupp und vielen anderen, darunter alle größeren Motorradproduzenten. Die Lizenzgewinne sind beträchtlich.

1971 kauft der britische Konzern Lonrho Ltd. die Wankel GmbH.

1974 kommen die Schwierigkeiten. Zwar werden die Probleme mit „Rattermarken" auf den Gehäuse-Innenflächen und mit den Dichtleisten gelöst, doch die Erwartung, der Rotationskolbenmotor lasse sich preisgünstiger produzieren als der Hubkolbenmotor, erfüllt sich nicht. Steigende Kraftstoffpreise während der ersten Energiekrise und verschärfte Abgasvorschriften in Amerika stoppen die Weiterentwicklung des Wankel-Motors. General Motors und Daimler-Benz geben weit gediehene Wankel-Projekte auf. Peugeot stoppt 1975 die gerade erst 1974 angelaufene Birotor-Produktion der Konzerntochter Citroën. Audi beendet zwei Jahre später die Produktion des von NSU übernommenen Ro 80. Von allen ursprünglichen Lizenznehmern baut allein Mazda einen nunmehr ausgereiften Rotationskolbenmotor in das Sportcoupé RX-7 ein. Bei den Motorradherstellern bleibt die britische Firma Norton für die heimischen Polizeimaschinen beim Wankel-Prinzip. Aber Wankel baut nicht nur für die Auto- und Motorradindustrie.

1976 treibt eine 220 kW/299 PS starke Kreiskolbenmaschine das Motorboot ,,Zisch" mit über 100 km/h über den Bodensee.

1978 gelingt Wankel die Abdichtung des neuartigen Zweitakt-Drehkolben- Motors DKM 78, der im Vergleich zum herkömmlichen Viertakt- Kreiskolbenmotor (KKM) bei kleinerem Bauvolumen bedeutend mehr leistet und weniger verbraucht.

1986 verkauft Felix Wankel sein Institut für 100 Millionen Mark an Daimler-Benz. Privat tüftelt er weiter an neuen Motorkonstruktionen und an einem mechanischen Kompressor. Einen Teil seiner Patenteinnahmen bringt Wankel in eine Schweizer Stiftung ein, die jährlich den schon 1972 ins Leben gerufenen Wankel-Tierschutzforschungspreis vergibt.

Am 9. Oktober 1988 stirbt der Ehrendoktor der TH München Dr. h. c. Felix Wankel nach langer Krankheit in Heidelberg. Die Mazda Motor Corporation versichert, weiterhin Motoren ohne Ventile und Pleuel nach dem Wankel-Prinzip zu bauen.

Seit 1961 hat Mazda rund zwei Millionen Rotationskolbenmotoren gebaut - die meisten für den Sportwagen RX-7. Felix Wankel, der Mann ohne Ingenieurstitel und Führerschein, hat Automobilgeschichte geschrieben und hat seinen Platz neben den großen Motoringenieuren Nicolaus August Otto, Carl Benz, Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach und Rudolf Diesel.

Curriculum Vitae Felix Wankel

13. 8. 1902 Wankel wird in Lahr bei Offenburg geboren

1920 - 1921 Gymnasium in Weinheim bei Heidelberg

1921 - 1926 Lehre als Verlagskaufmann

1924 - 1932 Erste Werkstatt, Bau einer Fahrmaschine (1927)

1928 - 1931 Abdichtungsversuche, auch Reparaturen

1933 1. Patentanmeldung einer Drehkolben-Maschine (DKM 32)

1934 - 1936 Forschungsauftrag von BMW (Drehschieber-Steuerungen, Rotationskolbenmotoren) in der Versuchsabteilung Lahr (Büro und Werkstatt im elterlichen Haus, Motorenprüfstand bei Firma Automatenbau)

1936 - 1945 Wankel-Versuchswerkstatt WVW in Lindau, Finanzierung durch die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt DVL; Arbeit an Drehschieber-, Walzendrehschieber- und Scheibendrehschieber-Steuerungen für Flugmotoren, Weiterarbeit an Drehkolben-Maschinen

1944 Versuchslauf eines Drehkolben-Verdichters

1945 Haft und Forschungsverbot durch die Alliierten

1951 - 1961 Technische Entwicklungsstelle TES Lindau (Wohnhaus Wankel). Auftragsarbeiten von Goetze, 1951 (Kolbenringe, Abdichtungen); NSU, 1951 (Drehschieber-Steuerungen); Borsig, 1953 (Rotationskolben Luftverdichter DKM 53); NSU,

1954 (Drehkolben-Motor DKM 54)

1956 NSU-Rekordfahrten (50 ccm Quickly, Baumm'scher Liegestuhl) mit Wankel- Drehkolben-Verdichter DKM 54

1957 Wankel-NSU-Drehkolben-Motor DKM 54 auf dem Prüfstand

1958 NSU-Kreiskolben-Motor KKM 57 auf dem Prüfstand

1960 Prototyp NSU Prinz mit KKM 250 (30 PS)

1961 Bau (nach Wankels Ideen) der architektonisch einzigartigen Technischen Forschungs- und Entwicklungsstelle TES der Fraunhofer-Gesellschaft, Lindau (1973 Kauf durch Wankel und Hutzenlaub)

1963 Veröffentlichung von Wankels „Einteilung der Rotationskolben-Maschinen“, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

1964 - 1967 NSU Wankel Spider (KKM 502) - erstes Serienauto mit Rotationskolben-Motor

1967 Mazda Cosmo Sport - erstes Auto mit Zwei-Läufer-Kreiskolben-Motor
1967 - 1977 NSU Ro 80 (KKM 612) - erstes deutsches Auto mit Zwei-Läufer-Kreiskolben-Motor

1971 Verkauf der Wankel GmbH an Lonrho Ltd.

1971 Prototyp des hochseefähigen Wankel-Gleitflossen-Motorboots „Zisch“

1972 Stiftung des Felix-Wankel-Tierschutz-Forschungspreises

1976 Wankel-Museum in Lindau, ab 1984 in Gstaad/Schweiz

9. 10. 1988 Felix Wankel stirbt in Heidelberg


Ehrungen und Auszeichnungen für Felix Wankel

1969 Ehrenzeichen des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) in Gold. Verleihung der Ehrendoktorwürde “Dr. Ing. e. h.” durch die Technische Hochschule München.

1970 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland

1971 Verleihung der Franklin-Medaille durch das Franklin-Institut, Philadelphia

1973 Verdienstorden des Landes Bayern

1981 Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Lahr

1986 Goldener Ehrenring des Deutschen Museums München Diesel-Medaille in Gold des Deutschen Instituts für Erfindungswesen

1987 Verleihung der Soichiro-Honda-Medaille Ehrentitel „Professor h.c.“ durch das baden-württembergische Wissenschaftsministerium

 


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